„Versorgung langfristig gefährdet“
Mehr junge Leute für Medizin und Pflege begeistern!

Bückeburg (mm-08.12.19). „In unserem reichen Land wird viel über die ärztliche Versorgung geklagt, auf Termine sehr lange gewartet; Patienten verbringen eine gefühlte Ewigkeit im Wartezimmer – gibt es zu wenige Ärzte?“, so Moderator Albert Brüggemann zu Beginn einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung der SPD Bückeburg.

Zum Thema: „Der Notfall ärztliche Versorgung?“ hatte die SPD als Fachleute Landrat Jörg Farr, Jörg Matthias Illig, Facharzt für Allgemeinmedizin, Dr. Hedwig Pietsch, Leiterin des Gesundheitsamtes i.R., und Dr. Reinhard Malek, Facharzt für Allgemeinmedizin, in den Le-Theule-Saal eingeladen.

Jörg Farr berichtete, dass es in größeren Städten leichter sei, Ärzte zu finden als in kleineren Gemeinden. Der Trend gehe zudem zu angestellten Ärzten. Dr. Pietsch erläuterte die wichtige Rolle des Gemeinsamen Bundesausschusses in Berlin, das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, dessen 13 Mitglieder sich zweimal monatlich treffen. Drei Mitglieder vertreten die Interessen der Patienten, sind aber nicht stimmberechtigt!

Der Ausschuss unterliegt keiner parlamentarischen Kontrolle. Bei dem Auftrag, die ärztliche Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, spielen laut Dr. Pietsch Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit eine Rolle. Durchschnittlich kommen 1.609 Menschen auf eine Hausarztpraxis.

„In Bückeburg/Bad Eilsen liegt die Versorgung bei 108 Prozent“, so Dr. Pietsch. Es handele sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung, die Arztsitze ausschreibt, um einen „gesperrten Bezirk“. Es gäbe hier 18 Hausärzte, davon seien vier 60 Jahre und älter.

„Die hausärztliche Versorgung ist langfristig gefährdet, weil jeder Zweite über 50 Jahre alt ist“, meinte Jörg Matthias Illig. Er sprach die Belastung während der hausärztlichen Notdienstversorgung an, die inzwischen den gesamten Landkreis betrifft. So sei er zuletzt 682 Kilometer gefahren. Er betreue 1.200 Patienten in seiner Praxis und habe einen Aufnahmestopp verhängt.

An den beiden Wochentagen Mittwoch und Freitag ist nachmittags seine Praxis geschlossen. Es stehen verpflichtende Fortbildungsveranstaltungen auf dem Programm, „und wir sind Bürokratie-Opfer, und es wird immer mehr“. Digitalisierung und Telemedizin hält er für keine wirklichen Lösungen.

„Wir steuern mit offenen Augen auf die Katastrophe zu“, so Dr. Reinhard Malek. Bis 1990 habe es noch 16.000 Medizinstudienplätze gegeben, heute seien es noch gut 9.000. Die Zulassung nach der Abiturnote hält er für keine gute Lösung, weil sie kein Indiz für eine Eignung als Arzt ist, nichts über Empathie und Einsatzbereitschaft aussagt.

Der Frauenanteil bei den Medizinstudenten liege inzwischen bei rund 70 Prozent. „Viele Frauen fallen bei Schwangerschaften aus, und es entstehen mehr Teilzeitarbeitsplätze“, so Dr. Malek. Die kontinuierliche Erhöhung der Studienplätze sei unterlassen worden. So etwas sei teuer, dauere zehn bis zwölf Jahre, bis eine Wirkung eintritt.

Unabhängig von der Zuständigkeit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen sei man, so der Landrat, in Schaumburg aktiv, um den Versorgungsgrad, beispielsweise in Stadthagen, zu erhöhen. Man stehe im Wettbewerb mit anderen Landkreisen.

Die Gesundheitsregion Schaumburg zeige Möglichkeiten der Zusammenarbeit auf. Die Ärztliche Notarztpraxis am Klinikum sei ein Vorteil; ebenso die Zusammenarbeit mit dem akademischen Lehrkrankenhaus Münster. „Wir holen jungen Menschen nach Schaumburg, in der Hoffnung, dass einige hier bleiben, weil sie erkennen, dass man hier gut leben kann, günstiger bauen kann, es attraktive Kulturangebote gibt, vernünftig ausgestattete Schulen und eine flexible Kinderbetreuung – wir müssen mehr junge Leute für Medizin und Pflege begeistern“, so Landrat Jörg Farr.

Foto 1: Landrat Jörg Farr

Foto 2: Dr. Hedwig Pietsch

Foto 3: Jörg Matthias Illig

Foto 4: Dr. Reinhard Malek

 

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