Gerhard Schöttelndreier hört als Ortsvorsteher auf
Stadtrat ehrt ihn als „Ehrenortsvorsteher“

Achum (mm-10.03.23). Gerhard Schöttelndreier (Foto) hat der Stadt Bückeburg Anfang Januar mitgeteilt, dass er sein Amt als Ortsvorsteher von Achum nach über 30-jähriger Tätigkeit zum 1. April 2023 niederlegen möchte. Der Stadtrat wird in der nächsten Sitzung am Donnerstag, 16. März, 19 Uhr, im Neuen Ratssaal, einen entsprechenden Beschluss fassen.

Auf Vorschlag der SPD-Fraktion, die SPD hatte bei den letzten Kommunalwahlen in Achum die meisten Stimmen erzielt, wird der Rat Stefanie Winkelhake für den Zeitraum vom 1. April 2023 bis zum 31. Oktober 2026 zur Ortsvorsteherin für den Ort Achum bestimmen und in das Ehrenbeamtenverhältnis berufen. Zudem wird der Rat Gerhard Schöttelndreier mit der Bezeichnung „Ehrenortsvorsteher der Stadt Bückeburg“ ehren.

Schöttelndreier, der das Ehrenamt seit November 1991 durchgehend ausgeübt hat, blickte zu seinem Abschied in die Vergangenheit des Dorfes und auf eigene Erlebnisse zurück. Achum sei einer der ältesten Orte im Schaumburger Land und älter als die Bückeburger Kernstadt. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs war Achum ein typisches Dorf mit sieben Bauernhöfen, einer Feuerwehr, dem Schützenverein, dem Gesangs- und einem Radfahrerverein, einer Schule, auch für Müsingen und sogar Teile Helpsens, einem Krug und einem Lebensmittelladen. Um 1850 wurde der Ort durch den Bau der Eisenbahn durchschnitten. „Bürgerinitiativen gab es noch nicht“, lachte Schöttelndreier.

Doch dann kam der ganz große Schock: Die englische Besatzungsmacht beschlagnahmte nach Kriegsende den größten Teil des Dorfes. Die Einwohner mussten ihre Häuser sofort besenrein bis zum Dachboden verlassen und sich selbst eine Bleibe in den durch Flüchtlinge schon überfüllten Nachbarorten suchen. Ein Teil der Häuser wurde abgerissen, drei Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche ging durch den Flugplatz verloren.

Der Achumer Meierhof verfügte z.B. statt über knapp 200 Morgen plötzlich nur noch über 80 Morgen. Zur Berliner Luftbrücke wurde der Flugplatz noch einmal groß ausgebaut und bereits zurückgekehrte Achumer mußten wieder weichen. „Rosinenbomber“ starteten und landeten in Achum. Die Straße nach Bückeburg war weg. Nach Abzug der Briten übernahm die Bundeswehr; und statt Strahlflugzeugen kamen die Hubschrauber. „Wir brauchen und schätzen natürlich die Bundeswehr. Leider haben die Achumer durch die Anwesenheit aber auch einige Nachteile bzw. Belästigungen zu ertragen“, betont Schöttelndreier. Das Offizierscasino im Außenbereich wurde an einen privaten Investor verkauft und steht seit Jahren mangels Nutzugsmöglichkeiten leer.

Vor der Gebietsreform gab es Bestrebungen über einen Zusammenschluss der noch selbständigen Gemeinden Tallensen-Echtorf und Achum. „Wir hatten damals eine Feuerwehr, einen Schulzweckverband eine Jagdgenossenschaft und einen Schützenverein gemeinsam. Leider wurden sich die damaligen Bürgermeister nicht ‚handelseinig‘ und bei der Gebietsreform kam Achum zur Stadt Bückeburg“, so Schöttelndreier. Den Feuerschutz übernahm die neue Stützpunkt-Feuerwehr Meinsen-Warber-Achum.

Traditionell verfügte die SPD im Achumer Rat und auch im folgenden Ortsrat immer über große, absolute Mehrheiten oder zeitweise sogar alle Mandate. Da im Zuge des neueren Melderechts und der Aufgabe der Wehrpflicht sich Soldaten kaum noch anmeldeten, fiel die Einwohnerzahl schlagartig von ca. 800 auf unter 400, was dazu führte, dass zur Kommunalwahl 1981 der Ortsrat aufgelöst und ein Ortsvorsteher bestimmt werden musste.

Am Wahlabend habe sich der Wahlausschuss plötzlich auf ein „Feierabendbier“ bei ihm angemeldet. „Du hast die SPD allein mit Deinen Stimmen weit überflügelt und wirst der neue Ortsvorsteher“.  Schöttelndreier war damals Mitglied der CDU. Nach der nächsten Wahl hieß es in einer Tageszeitung: „Im Dorfgemeinschaftshaus Achum errang die CDU mit ihrem Kandidaten Schöttelndreier ein Spitzenergebnis von 76,54 Prozent – das waren noch Zeiten“, erinnert sich Achums Ortsvorsteher.

Dann sei es leider zu einem Zerwürfnis mit dem damaligen CDU-Spitzenkandidaten in Bückeburg gekommen. Auch zwei langjährige Ratsmitglieder aus Evesen und Meinsen traten aus der CDU aus, gründeten die „UWG Bückeburg“ und koalierten mit der SPD. Damals gab es für Bückeburg noch zwei Wahlbezirke und drei UWG-Kandidaten nur für den Wahlbereich West.

Schöttelndreier wurde gebeten, doch für den Wahlbereich „Ost“ als neuer alleiniger Kandidat anzutreten, um in beiden Wahlbereichen Wählerstimmen gewinnen zu können. Ergebnis: Über 70% UWG-Stimmen in Achum. „Ich wurde zur allgemeinen Überraschung alleiniges neues UWG Ratsmitglied und einigte mich mit der SPD auf eine Fortsetzung  der gemeinsamen Ratsarbeit.“

Dann kam aber der Schock: Die Partei mit den meisten Stimmen war die SPD mit zwar nur ca. 20%, da die UWG (Unabhängige Wählergemeinschaft) nicht als Partei galt. Der damalige SPD-Bürgermeister Helmut Preul legte dann aber ein „Machtwort“ ein und bestimmte: „Wir verzichten bei diesem Wahlergebnis auf unser eigenes Vorschlagsrecht und schlagen Schöttelndreier von der UWG zum Ortsvorsteher vor.“

Nach der Auflösung der UWG hat Gerhard Schöttelndreier in den folgenden Jahren dann auf der SPD-Liste auf seinen eigenen Wunsch auf dem letzten Listenplatz der SPD als „Parteiloser Kandidat“ kandidiert und wurde weiterhin bei den Wahlen nur mit persönlichen Stimmen und nie über die Liste in den Rat der Stadt Bückeburg gewählt.

Als Ortsvorsteher und damit auch „Hilfsperon der Stadtverwaltung“ gab es in den ersten Jahren viel mehr Aufgaben als heute. Schöttelndreier erinnert sich z. B an „Viehzählungen“, viele Beglaubigungen mit dem Dienstsiegel der Stadt, Nachforschungen für ehemalige Kriegsgefangene zur Rente, Betreuungen der Asylbewerber und Spätaussiedler, Sammlungen für Spenden zum Beispiel für Müttergenesungswerk, Kriegsgräberfürsorge, Besuche bei Jubiläen und Altengeburtstagen usw. „Einige Tätigkeiten dürfen auch aufgrund unseres ganz besonderen deutschen Datenschutzes nicht mehr wahrgenommen werden“, so Schöttelndreier.

Die Stadt Bückeburg hatte 1981 ohne jegliche Absprache mit dem Ortsrat den „Achumer Krug“ zu einem „Flüchtlingsheim“ mit primitivsten Standards umfunktioniert. Über 50 Personen mussten sich die zwei Toilettenanlagen, eine Duschgelegenheit und einen einzigen Elektroherd teilen. In kurzer Zeit stand natürlich in jeder „Kabine“ eine Kochplatte. „Ich hatte dann mehrmals die Woche Besuch und musste alle paar Tage die viel zu schwachen Sicherungen auswechseln, unvermeidbaren Streit schlichten usw. Wir haben dann die Leute und vor allen Dingen die Kinder in den Sportverein, den Heimatverein usw. kostenfrei aufgenommen und integriert“. Unterstützung von anderen Organisationen habe es überhaupt nicht gegeben.

Die Achumer Telefonzelle sei lange Zeit defekt gewesen. Man habe für 20 Pfennig auch ins Ausland telefonieren können. „Unsere Asylbewerber standen Schlange und wir haben nichts verraten. Es gab ansonsten kaum Probleme zwischen den Ausländern und Einheimischen, die ich nicht einfach schlichten konnte“, erinnert sich der Ortsvorsteher.

Das von der ehemaligen Gemeinde Achum erbaute und inzwischen renovierungsnötige Mehrzweckhaus wurde leider auch mangels Achumer Nutzern abgerissen und durch einen kleinen Anbau am Achumer Sporthaus notdürftig ersetzt. Für größere Veranstaltungen gibt es noch den „Achumer Meierhof“.

Obwohl er kein „Fußballnarr“ sei, so Schöttelndreier, habe ihm der größte Verein in Achum, der FC Hevesen, immer sehr am Herzen gelegen. „Für die Unterstützung und aktive Mitarbeit zum Neubau des Achumer Sportheims wurde ich Ehrenmitglied des FCH. Danke dafür!“

„Da ich in diesem Jahr stramm auf die ‚80′ zugehe, hatte ich mich aber entschlossen, bei der letzten Kommunalwahl nicht mehr für den Rat zu kandidieren. Ich freue mich aber sehr, dass mit Steffi Winkelhake eine Nachfolgerin angetreten ist, die leider den Einzug in den Rat mit nur wenigen Stimmen verpasst hat, aber sie hat noch Chancen als die erste Nachrückerin. Meinen Ortsvorsteher-Posten, der bis 2026 gilt, habe ich zu Ende März dieses Jahres vorzeitig selbst gekündigt, und „Steffi“ wird übernehmen und bei der Ratssitzung im März bestätigt werden. Viel Erfolg!“

Schöttelndreier hatte während seiner Ortvorsteher-Zeit mit fünf Bückeburger Bürgermeistern zu tun: Helmut Preul, Ewald Walthemathe, Edeltraut Müller, Reiner Brombach und jetzt Axel Wohlgemuth. Als Gründungmitglied des „Achumer Rotts“ habe er „Karriere“ bis zum Stabszugführer im Bürgerbataillon gemacht. Dankbar ist Schöttelndreier für die Ehrenurkunde des Niedersächsischen Städtetages und die Ernennung zum Ehren-Ratsmitglied der Stadt Bückeburg.

Gerhard Schöttelndreier dankt allen Wählerinnen und Wählern, Achumerinnen und Achumern, Freunden und Weggefährten für die langjährige Unterstützung. „Mein ganz besonderer Dank gehört aber meiner lieben Frau, ohne deren tatkräftige Unterstützung meine langjährige Tätigkeit in der Kommunalpolitik gar nicht möglich gewesen wäre!“ Foto/Archiv: Schöttelndreier

 

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