„Geheimverträge und Geheimakten“
Turbulente Hauptversammlung der Neschen AG

Bückeburg (mm-17.12.20). Im Mittelpunkt einer turbulenten außerordentlichen Hauptversammlung der Neschen AG standen Vorwürfe des Aufsichtsrates und von Aktionären gegen den Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz und das Amtsgericht Bückeburg. Die Teilnehmerzahl war wegen der Corona-Pandemie auf 50 Personen beschränkt worden. Tatsächlich waren 13 Aktionäre im Großen Rathaussaal anwesend.

Dem Vorstand Dr. Herbert Weininger (99,9 Prozent), dem Aufsichtsratsvorsitzenden Alexander Eichner (98,5 Prozent), und den Aufsichtsräten Till Wasner (99,9 Prozent) und Dr. Holger Jakob (99,9 Prozent) wurde Entlastung erteilt. Unter dem Motto „Wir sind nur Überbringer schlechter Nachrichten“ trug Alexander Eichner den Bericht des Aufsichtsrates für die Jahre 2017 bis 2020 vor. Im Interesse der Aktionäre und der Gläubiger habe man Konzepte erarbeitet, um das „Unternehmen in Liquidation mit einem neuen Geschäftsmodell zu beatmen“.

Konkret wollte man herausfinden, ob nach Beendigung des Insolvenzverfahrens der börsennotierte Firmenmantel der Neschen AG für neue Investitionen nutzbar gemacht werden könnte. Dazu habe der Aufsichtsrat Kontakt zur Kanzlei des Insolvenzverwalters Arndt Geiwitz in Neu-Ulm aufgenommen.

Eichner erinnerte daran, dass bis 2014 die Bank JP Morgan Kreditgeberin der Neschen AG war. Im April 2014 habe sie Kreditforderung und Sicherheiten an eine „Briefkastenfirma“ namens Sandton Financing III (Luxembourg) abgetreten. Insolvenzverwalter Geiwitz ging davon aus, dass Sandton das Kreditpaket nicht wirksam erworben hatte. Er bestritt die angemeldeten Forderungen und Sicherheiten, prozessierte gegen das „Erwerbsvehikel“ und wurde in seiner Rechtsauffassung vom Landgericht Bückeburg im März 2016 bestätigt.

JP Morgan habe, so Eichner, wiederholt darauf hingewiesen, nicht mehr Inhaberin des Kreditpaketes zu sein. Die Bank hat bis zum Ablauf der Verjährungsfrist am 31. Dezember 2017 keine Forderung zur Insolvenztabelle angemeldet. Merkwürdig wird es dann im Sommer 2016. Arndt Geiwitz hat laut Eichner durch den Verkauf des Neschen-Geschäftsbetriebes an den Investor BlueCap AG etwa 11,5 Millionen Euro eingenommen. Rund 9,5 Millionen Euro davon habe er im August 2016 an Sandton gezahlt – trotz des entgegenstehenden Gerichtsurteils.

Während des Gesprächs in der Kanzlei Geiwitz habe man wichtige Unterlagen wie den Kaufvertrag nicht zu sehen bekommen („wurde alles blockiert“). Das sei aber erforderlich gewesen, um zukünftigen Investoren hinreichende Sicherheit in die Schuldenfreiheit der Gesellschaft geben und Fragen nach den Altlasten beantworten zu können.

Der Aufsichtsrat hat dann über das Insolvenzgericht in Bückeburg versucht, Einsicht in den Kaufvertrag zu erhalten und mit dem Vorsitzenden der Behörde gesprochen. Der Vertrag sei jedoch in einem als „Verschlusssache“ bezeichneten Sonderband abgelegt worden. „Es wurde ein massiver Aufwand betrieben, um uns den Vertrag nicht vorlegen zu müssen“, so der Aufsichtsratsvorsitzende.

Für den Aufsichtsrat steht fest, dass der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz seine Pflichten verletzt und der Insolvenzmasse dadurch einen erheblichen Schaden zugefügt hat, da er nachweislich an einen Nicht-Gläubiger geleistet hat. „Das Unternehmen hatte Sanierungschancen, war auf einem guten Weg, hätte von einer großen Schuld erleichtert werden können und ist ohne Not verkauft worden“, so Eichner.

In der Generaldebatte beklagte der Aktionär Karl-Walter Freitag aus Köln die unüberschaubare Bestellungspraxis der Insolvenzverwalter durch die Insolvenzgerichte. „Warum wird für ein Unternehmen in Bückeburg ein Insolvenzverwalter aus Neu-Ulm bestellt? Eine seltsame Geneigtheit spielt da offensichtlich eine Rolle“, vermutet Freitag. Angesichts von „Geheimverträgen“ und „Geheimakten“ beim Insolvenzgericht in Bückeburg fühlte sich Freitag eher an Staaten wie Nordkorea und DDR erinnert.

Nach Angaben des Aufsichtsrates prüft die Neschen AG eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Direktor und Insolvenzrichter des Amtsgerichtes. Die 25,1 Prozent-Aktionärin Vermögensverwaltung Erben Dr. Karl Goldschmidt GmbH, Essen, hat beim Insolvenzgericht in Bückeburg die Bestellung eines Sonderinsolvenzverwalters angeregt. Er soll prüfen, ob der Neschen AG gegen Arndt Geiwitz Ersatzansprüche von bis zu 9,5 Millionen Euro zustehen.

Foto 1: Alexander Eichner, Vorsitzender des Aufsichtsrates
Foto 2: Vorstand Dr. Herbert Weininger
Foto 3: Dr. Holger Jakob, Mitglied des Aufsichtsrates
Foto 4: Till Wasner, Mitglied des Aufsichtsrates

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